[Rezension] Offene Arme – Melanie Gerland
Dass in einem Comic ernste Themen behandelt werden, ist eher selten der Fall. Melanie Gerland, die Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Illustration und Comic studiert, hat diesen Weg der Graphic Novel gewählt, um ihre Erfahrungen mit selbstverletzendem Verhalten zu schildern. Unter dem Titel Offene Arme ist der autobiographische, 128seitige Bildband im Juni 2010 erschienen und zum Preis von 19,95 € erhältlich.

Was die Bildsprache und die Qualität der Zeichnungen angeht – Hut ab. Ebenso vor dem Mut der Autorin, so offen mit ihrem Erleben von Mobbing und Autoaggression umzugehen.
Der Hardcover-Einband und das schwere, glänzende Papier der Seiten lassen Offene Arme bereits vom Optischen und Haptischen her aus der Masse der meisten Comics hervortreten. Die Bilder sind in schwarz-weiß gehalten, wobei die eigentlichen Comiczeichnungen aufgelockert werden durch einige handschriftliche Briefe zwischen der 15jährigen Protagonistin Melanie und ihrer Freundin Nicole.
Leider wirkt die Darstellung Melanies recht naiv: in der Schule ausgegrenzt und daheim vom Vater ignoriert, verliebt sie sich, wie auch Nicole, in einen älteren Musiker. Als dieser ihre Gefühle nicht erwidert, beginnt Melanie sich ebenso wie Nicole zu ritzen und wird schließlich von ihrer Mutter an einem Suizidversuch gehindert. Am Ende des Bandes befinden sich beide Mädchen in Therapie – und tauschen sich darüber aus, wo sie die preiswertesten Rasierklingen kaufen können.
Dass der Klappentext selbstverletzendes Verhalten in einem Atemzug mit der Borderline-Störung nennt – und das auch noch in einer Formulierung wie “Borderline-’Karriere’” – verdient ein kräftiges Kopfschütteln. Gerade, da Offene Arme im Verlag Balance buch + medien (einem Imprint des Psychiatrie-Verlags) erschienen ist, wo ich seitens der Herausgeber doch eigentlich das nötige Fachwissen vermute, hätte das wirklich nicht sein müssen. Selbstverletzendes Verhalten kann ein Symptom einer Borderline-Störung sein, ja. Aber nicht jeder, der sich ritzt, ist deshalb automatisch Borderliner, und dass hier eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung einmal mehr mit pubertärem Liebeskummer gleichgesetzt wird, ist herb. Somit unterstützt Offene Arme leider nur ohnehin schon weit verbreitete Vorurteile und Klischees – schade.
Gut, die Story ist autobiographisch und ein Fortsetzungsband in Vorbereitung. Aber was nimmt der Leser hier mit? Jemand, der sich mit der Thematik nicht auskennt, wird nurmehr in gängigen Vorurteilen bestätigt. Und Betroffene werden mit einem Ende stehen gelassen, dass doch davor abschreckt, sich in einer Therapie professionelle Hilfe zu suchen: zum Einen entsteht dadurch, dass die beiden Mädchen weiterhin ritzen, der Eindruck, dass eine Therapie ohnehin nichts bringt. Und was bitteschön soll außerdem Nicoles Kommentar, dass sie ja von dem verschriebenen Haldol so krasse Nebenwirkungen bekäme? Das unterstreicht das Klischee, dass Patienten in einer Therapie ohnehin nur zwangsmedikamentiert und “ruhiggestellt” werden, und entspricht absolut nicht der Wirklichkeit. Ein derart starkes Medikament wie Haldol wird unter anderem bei Schizophrenie und Psychosen eingesetzt und keineswegs zur Behandlung von selbstverletzendem Verhalten, wo vielmehr Gesprächstherapie im Vordergrund steht.
Da hilft auch die letzte Doppelseite nicht viel, die die Adressen einiger Hilfsangebote aufzählt.
Fazit: beeindruckend gezeichnet, inhaltlich aber etwas fragwürdig.

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