[Rezension] ASP – Wer Sonst/Im Märchenland

Gut, ich neige dazu, zu sagen, dass früher alles besser war. Die Musik – unbestritten, der Stil -”damals” gab es schwarz angepinselte Hardstyler, The Cure, die an Disintegration oder Pornography leider nie wieder herankommen werden… So wirkt das, was heute gefeiert wird, wie etwas, das um den Glanz früherer Tage ganz hart kämpfen muss. Und vor allem um die Bedeutung. Und gegen das Mantra “Früher war alles besser” müssen leider viele Bands ankämpfen: Sagen wir z.B. Oldschool-Gothrock gegen Newschool-Gothrock, The Sisters of Mercy gegen ASP. Das ist ein Kampf, den ASP mit Wer Sonst/Im Märchenland eigentlich nur verlieren können.
Und das ist der Wermutstropfen, der mir ASP bitter macht: An sich ist die Band klasse, einige unvermeidliche Ausfälle mal abgesehen. Doch wie lässt sich die an sich gute, aber für mich etwas nichtssagende Lyrik eines ASP mit der Bedeutung eines Andrew Eldritch vergleichen? Wie der Druck von ASP, der eher gen Rock schielt, mit den Wavegitarren der frühen, unübertroffenen Sisters of Mercy-Werke? Und da liegt der Hase im Pfeffer. Wo die Sisters DER Inbegriff des Gothic sind, sind ASP vom ursprünglichen Begriff des Genres recht weit entfernt. Würde man es bei dem Namen nennen, der viel besser passt – düsterer Alternative Rock – würde ich diesen ganzen Absatz nicht getippt haben und mich drüber freuen, dass es ein tolles, neues ASP-Lebenszeichen gibt, das für eine Single mit einer Opulenz ausgestattet ist, von
der manche Alben träumen: Fast 40 Minuten Musik, zwölfseitiges Booklet und 8 Songs, das ist eine Traumausstattung für eine Single.
Ich muss übrigens auch zugeben, dass ich beim Namen ASP verdammt oft Würgereiz bekommen habe. Schon die ersten Töne von Krabat gingen mir nach einer Zeit so sehr auf den Sack, dass ich meistens die Halle verließ. Über das gnadenlos überstrapazierte Ich will brennen will ich gar nicht reden. Umso positiver wirken die Songs der Single auf mich: Wer sonst? ist ein sehr gut nach vorne gehender Rocksong, unterstützt von In Extremo-Fronter Micha Rhein, der in guter ASP-Tradition mit einem tollen Mitsingrefrain veredelt wird. “Im Märchenland” gemahnt an die immer latent vorhandenen Das Ich-Einflüsse der Band, ist nicht sehr eingängig, aber musikalisch hübsch gelungen – Eine tolle Gruselstimmung. Die Remixes von Clan of Xymox und Project Pitchfork sind gut gelungen, aber nicht herausragend. Rain, eine The Cult-Coverversion, ist okay, die Version von Trios Kummer macht Spaß – ASP haben sich den Song sehr zu eigen gemacht.
Und so bleibt für mich wieder das Dilemma, was ich nun von ASP halten soll: Handwerklich und von der Stimmung her prima, aber wenn man sich selbst als Gothic bezeichnet und sich damit in eine Ecke mit Ikonen wie The Sisters of Mercy oder Bauhaus stellen möchte, kann man bei mir damit nur verlieren. Schade drum, denn ganz objektiv ist die Doppelsingle eine Anschaffung durchaus wert, auch für Nicht-Fans. Die neue Generation an “Goth”-Rockern führt die Band jedenfalls deutlich an, vor Schrott wie Ungeilig und Eisbecher.
Tracklist
- Wer Sonst? (feat. Micha Rhein)
- Im Märchenland
- Rain
- Kummer
- Wer Sonst? (Original Version)
- Im Märchenland (Clan of Xymox Remix)
- Wer Sonst? (Project Pitchfork Remix)
- Kummer (Katzenjammer Langschnitt)
Anspieltipp
Die A-Seiten, Wer Sonst? und Im Märchenland.

12. Oktober 2009 um 16:09
Ich muß mal ein bißchen eine Lanze für ASP brechen. Ich mag die Musik, nicht alles, nicht jeden Tag, aber Songs wie “Die Ballade von der Erweckung”, Stille der Nacht” oder “Der schwarze Schmetterling” sind aus meiner Musiksammlung nicht mehr wegzudenken. Und auch wenn sich die Musik unter dem (weitgefassten) Genre Gothic zählen lassen will, muss sie sich nicht zwingend mit den Sisters messen (können). Dafür liegen sie stilistisch zu weit auseinander. Und nicht jedes Jahr kann ein Genre neu erfunden oder zu neuen Ufern geführt werden. Ist eine Band nicht gut genug oder respektabel wenn sie im Bereich Rock nicht die Intensität und Wucht von Tool erreicht? Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ASP und Sisters in einem Atemzug zu nennen. Und ich wüßte nicht das ASP den Anspruch erhebt, auf einer Stufe mit dieser Band zu stehen. Aber es ist doch schön, das Musik so herrlich unterschiedlich wahrgenommen wird. Und ich finde es schön, das deine Rezension mit “Ecken und Kanten” daherkommt, ohne schmusige Werbetexte (da könnte ich dann auch die Pressemitteilung lesen,*g)sondern subjektiv und kritisch. So lässt sich trefflich über Musik diskutieren :o)
12. Oktober 2009 um 17:43
Ja, der rein musikalische Vergleich mit den Sisters ist weit gefasst, das stimmt schon. Aber bei Gothic bin ich eben eher bei Namen wie The Sisters of Mercy, Vendemmian, Bauhaus, The Mission (alte Sachen) und ähnlichem. Meiner Meinung nach ist der neue Gothic, vertreten von Unheilig (Schlagergesang mit Rammsteingitarren), Blutengel (Eurodance), ASP (düsterer Alternative Rock) und Eisbrecher (Industrial Metal) nicht wirklich Gothic. Mir als 80er-Freak bricht regelmäßig das Herz, wenn ich z.B. lese, dass die unterdurchschnittliche Deutschrock-Band Down Below als neue Gothic-Sensation angepriesen wird.
ASP sind tatsächlich gut, das habe ich nicht in Abrede gestellt. Ich mag die Band dafür, dass sie ihr Ding durchzieht, weil sie gute Songs schreiben – Was ich in der Review zum Ausdruck gebracht habe. Mein Wermutstropfen ist der Begriff Gothic. Dafür bin ich zu 80s, um das bei ASP ernstnehmen zu können. Vom Lebensgefühl der Band mag ich das gar nicht abstreiten, ich kenn die Jungs ja nicht, aber vom rein musikalischen her sind sie es meiner Meinung nach nicht^^
23. Oktober 2009 um 08:30
Als ASP Fan und ständiger Begleiter der Band muss ich sagen, dass der Vergleich mit den Sisters auf keinen Fall gerechtfertigt ist. Dennoch muss ich sagen, die neue Single ist nicht mehr das Niveau das sie sonst an den Tag legten.
Dennoch, allein die 10 Jahre die sie sich nun schon hier halten und nicht nur die Gothic sondern auch die Metal Szene – siehe Wacken und Rock Harz – begeistern, zeigen dass diese für einige so unbedeutende Band doch viel mehr Potenzial hat als man annimmt.
Ich schlage vor sich mal jeden Song von Anfang bis Ende duchzuhören und auf die Texte zu achten und schon haben die Jungs das selbe, wenn nicht sogar ein größeres Potenzial als manche andere Band die so groß gefeiert wird.
Und was du als Gothic aufzählst ist GothRock, den – zum Glück – auch nicht jeder mögen muss. ;)
23. Oktober 2009 um 11:45
Ich sag ja nicht umsonst, dass ASP nicht ohne Grund die Speerspitze von dem sind, was heute als Gothic Rock verkauft wird…