Gargoyle – Andrew Davidson

verfasst am 1. April 2009
von
| Rubrik: Rezensionen

Andrew Davidson - Gargoyle

Die Hauptzutaten für die herausragendsten Werke aller Zeiten sind die gleichen wie für billige Schundhefte: Liebe und Tod. Und wenn ein Roman diese beiden großen Themen in seinem Leitsatz vereint, dann drängt sich flott die Frage nach dem Kitschgrad auf.
“Liebe ist stark wie der Tod”, mit diesen Worten führt der Klappentext den Leser in die Welt von Gargoyle ein – und um es gleich vorweg zu nehmen, dieser Roman ist alles andere als kitschig, sondern phantasievoll und fesselnd.

Der Ich-Erzähler, seines Zeichens Pornodarsteller und  -produzent, rast zugekokst und betrunken eine dunkle Straße entlang und verreißt aus Schreck über eine plötzliche Vision von brennenden, auf ihn herabstürzenden Pfeilen das Lenkrad. Er stürzt einen Abhang hinab, der Wagen überschlägt sich und fängt Feuer, der Protagonist erleidet schwerste Verbrennungen.
Als er im Krankenhaus wieder zu sich kommt, muss er feststellen, dass ihm nichts von dem geblieben ist, was ihn ausmachte, womit er in seinem bisherigen Leben sein Geld verdiente: sein ehemals so ansehentlicher Körper ist grausam entstellt, und noch dazu hat er bei dem Unfall sein bestes Stück verloren.

Das ist doch nicht mehr lebenswert, sagt er sich, und harrt nur deshalb auf den Tag seiner Entlassung, um dieses Dasein endlich zu beenden.

Doch dann taucht an seinem Krankenbett die schöne Marianne Engel auf, die als Bildhauerin beeindruckende Gargoyle-Skulpturen herstellt und offensichtlich ein paar Schrauben locker zu haben scheint: behauptet sie doch, dass sie und der Protagonist bereits vor siebenhundert Jahren ein Liebespaar gewesen seien. Im deutschen Kloster Engelthal hätten sie sich kennengelernt, wohin man ihn als Söldner mit schweren Verbrennungen gebracht hätte und wo sie, die Nonne, ihn heilen konnte.
Der Protagonist glaubt zwar nicht im Geringsten an den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte, aber zumindest stellen Mariannes Erzählungen von ihrem angeblichen gemeinsamen Leben im mittelalterlichen Deutschland eine angenehme Abwechslung zu seinem ansonsten öden Krankenhausalltags dar. So kommen sich die beiden allmählich näher und reißen den Leser mit sich in eine ungewöhnliche, faszinierende Geschichte, die aus mehreren mit einander verworbenen Handlungssträngen gleichzeitig besteht und sowohl Spannung und Tragik, als auch Sinnlichkeit und Romantik bietet.

Nach seiner Entlassung nimmt Marianne den (übrigens im ganzen Buch namenlos bleibenden) Erzähler bei sich daheim auf, und so wird er immer wieder Zeuge ihrer manischen, selbstzerstörerischen Arbeitsphasen und ihrer schizophrenen Wahrnehmung der Realität, die allmählich einen unheilvollen Lauf nehmen…

Was ist Wahn und was Realität? Diese Frage stellt sich nicht nur der Protagonist. Auch als Leser fragt man sich immer wieder, ob Marianne Engel zu Recht in der Psychiatrie untergebracht war – oder ob an ihren Schilderungen nicht doch etwas Wahres ist…

Zartbesaitete Leser müssen das Buch sicherlich das ein oder andere Mal beseite legen – schildert der Protagonist seine Verbrennungen und die Behandlung in der Klinik doch in einer bemerkenswert plastischen Sprache und mit schonungsloser Detailkenntnis. Aber das Weiterlesen lohnt sich auf jeden Fall.

Gargoyle ist eines der Bücher, bei denen ich mir gewünscht hätte, dass man niemals die letzte Seite erreicht und über das man auch später noch oft nachdenkt und sich daran erinnert.

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Ein Kommentar

  1. Hans

    Das klingt ja sehr interessant.Ich werde mal bestimmt den Roman lesen, danach werde wieder schreiben.Ich bin mal gespannt.

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