10 Jahre Pagan Love Songs – Auf ein virtuelles Bier mit Thomas Thyssen

verfasst am 3. Dezember 2009
von
| Rubrik: Lifestyle & Diversa

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The Sisters of Mercy.  Vendemmian. Children on Stun. Bauhaus. The Mission. Christian Death. Und wie sie alle heißen. Diese Namen – Für die Unwissenden: Es sind Ikonen des traditionellen Deathrocks und Gothic Rocks – Waren in den 90ern tot. Also noch toter als sie sein wollten. Damals stampfte Future Pop durch die Clubs, hätte man Namen wie die oben genannten erwähnt, würde man maximal fragende Gesichtsausdrücke als Antwort erhalten – Die immerhin soviel sagen wie “Was zum Teufel?”. Nun, im Jahre 1999 war aber nicht alles schlechter. Eine kleine Szene an Goth- und Deathrockfans existierte ja nach wie vor, und in diesem Jahr kam auch ein kleiner Schubs von Seiten eines Brüderpaares, Ralf und Thomas Thyssen, das einen Abend im Bochumer Zwischenfall veranstaltete, der zeigte, dass Trad Goth nicht tot ist. Die Pagan Love Songs. Mit Thomas Thyssen, einem der gruftigen Gebrüder, unternahm ich eine kleine virtuelle Kneipentour durch die verwinkelten Gassen der Mailserver und Worddokumente zwecks einer kleinen, sehr unterhaltsamen Zeitreise durch das vergangene Jahrzehnt – Und noch viel weiter.

Hallo Thomas. Wie geht es dir?

Tag auch! Wie es einem so geht, wenn man nach einer Woche Urlaub, der keiner war, wieder zurück in den Ernst des Lebens geworfen wird. Und bei dir?

Oh, gut, danke der Nachfrage. Ich habe gerade Schulferien und nutze die fleißig zum Arbeiten. Das Interview entstand – bezeichnenderweise – zu großem Teil in einem Zug. Aber ehe wir zum Ernst des Lebens kommen, erzählt doch ein wenig über euch, damit die Leser ein wenig ein Bild von euch haben.

Was willst du denn genau wissen, Sherlock?

Wo warst du gestern Nacht? Oder mach dem geneigten Leser doch einfach ein Bild von dir, unter dem er sich was vorstellen kann. Was du so machst – gerade du, Thomas, könntest ja dem einem oder anderen in leitender Position beim Gothic Magazine bekannt sein. Da gibt’s aber sich noch mehr. Schieß los!

Gestern Nacht war ich mit meinem Buddy Ian P. Christ feudal mexikanisch essen. Wir hatten ein paar Drinks, palaverten über anstehende Events und Ideen, die seit geraumer Zeit in unseren Köpfen herumschwirren, und haben uns dann auch noch für den Karmadeva-Gig im Café Zapata in Kreuzberg Ende der Woche verabredet. Wenn man jetzt detailliert darauf eingehen würde, was jeder einzelne von uns so treibt, mal getrieben hat und quasi vorzuweisen hat, dann würde dies sicherlich sehr fix in einer Art Ego-Show enden, die ich persönlich ganz und gar nicht mag. Von daher, nur als kurzer Abriss: Ich bin als Redaktionsleiter für das Gothic Magazine und Gothic Lifestyle sowie als Scout für die beiden angehängten Compilation-Labels UpScene und Batbeliever tätig. Vollzeit. Ein richtiger Job also, der mir die Butter auf meinem Brot finanziert.

10 Jahre läuft die Pagan Love Songs schon. Eine hübsch lange Zeit. Hättet ihr damit gerechnet, dass die Party so einschlägt?

Nein, natürlich nicht. Als die Idee zu Pagan Love Songs damals nach und nach in Ralfs und meinem Kopf aufkeimte und sich entwickelte, stand es um Old School Goth und Artverwandtes sehr, sehr schlecht. Nicht nur im Ruhrpott, sondern  bundes-, ja sogar europaweit.

Sicher eine grausige Zeit. Aber die Komplimente, die ihr sogar weltweit geerntet habt, sind teilweise wirklich überschwänglich. Die Schönsten habt ihr auf der MySpace-Seite (www.myspace.com/pagan_love_songs) gesammelt. Ganz besonders schön finde ich den Kommentar von Lucas Lanthier: „(…) it is this writer’s opinion that every deathrocker worth the runs in his or her stockings should be saving for a plane ticket to Bochum.” Feedbacks wie solche machen die Arbeit doch erst lohnenswert, oder?

Unter anderem, ja. Viel wichtiger als diese Form von Feedback ist jedoch, dass sich innerhalb der letzten zehn und mehr Jahre aufgrund der Arbeit an Pagan Love Songs internationale Freundschaften entwickelt haben, die, ich denke hier kann ich stellvertretend für uns beide sprechen, weitaus wichtiger sind, als etwaige Lobhudeleien zu unserer Arbeit als DJs und Konzertpromoter.

Oh, das ist verständlich. Schließlich sollten Freunde eigentlich das Höchste auf der Welt sein , aber ehe ich zu ausschweifend werde, und das werde ich recht gerne, kommen wir wieder zum Thema zurück – Von mir könnt ihr von mir auch noch ein Kompliment dazusetzen, wenn ihr wollt, denn die Pagan Love Songs-10-Jahresfeier am 28. und 29. August im Zwischenfall war schlicht und ergreifend eines: Die geilste Party des Jahres! Ein zwei Tage dauerndes Event mit solch, ich sage mal, „abseitiger“ Musik und so vielen Besuchern ist nicht gerade häufig, und auch das Konzert mit Charles de Goal, Fliehende Stürme und Bloody Dead And Sexy war ein voller Erfolg, von der Party müssen wir, denke ich, gar nicht erst reden. Wie fällt dein  Fazit zum Jubiläum aus?

Danke für die Blumen. Als wir 2004 unser Fünfjähriges feierten, war der große Jahrtausendwechsel-Deathrock-Mini-Renaissance-Boom bereits wieder am Abebben. Dementsprechend waren wir damals schon über den großartigen Erfolg des II. Pagan Love Songs-Festivals und der Releaseparty zu unserer ersten Compilation mehr als erfreut. 2009, wiederum fünf Jahre später, ist es ja nun so, dass die “Szene”, oder wie immer man dieses Konglomerat auch nennen will, höchstens weiter geschrumpft ist. An Nachwuchs mangelt es jedenfalls. Aber auch an wirklich hervorstechenden Newcomer-Acts, die den nächsten Level in Sachen Popularität und Livequalitäten erreichen könnten. und auch an der nötigen Infrastruktur, in Form von regelmäßig arbeitenden Labels. Dementsprechend waren unsere Prognosen für die erste Null auch eher tiefstapelnd. Das aber tatsächlich beide Tage unser erstes Jubiläum in Sachen Publikumsmenge und im Nachhinein erhaltenes Feedback bei weitem überflügeln würden, hätten wir nicht einmal in unseren kühnsten Träumen vorstellen können. Daher an dieser Stelle nochmals ein dickes Dankeschön an alle an alle beteiligten Bands und Künstler, Besucher und helfende Hände.

Das haben die auch verdient. Es lief wirklich alles reibungslos und denkwürdig. Aber hast du eigentlich noch “Sumisu” gespielt, Thomas?

Nein. Asche auf mein Haupt. Ich könnte es jetzt auf die unglaublichen Mengen an verzehrtem Alkohol, die willigen und unzähmbaren Groupies und die unglaubliche Anzahl an Songwünschen schieben, gestehe aber, dass ich es völlig verschwitzt habe. Man wird ja nicht jünger.

Och, schon Udo Jürgens wusste, dass das Leben erst mit 66 anfängt. Also verglichen damit bist du noch ein Jungspund. Schwamm drüber, nächstes Mal! Das Zwischenfall in Bochum, wo die Party stattfand und wo es besagtes „nächstes Mal“ auch geben wird, hat ja eine ganz besondere Bedeutung für die Pagan Love Songs. Dort fand die erste Party statt und auch nachdem ihr beide eure Zelte im Ruhrgebiet abgebrochen habt und nach Berlin gezogen seid, gibt’s immer noch mehr oder minder regelmäßig Partys, das nächste Mal am 1. Weihnachtstag dieses Jahres. Wird es auch zur nächsten PLS so etwas wie einen Liveact oder ähnliche Überraschungen geben?

Nein, Liveacts oder ähnliche Überraschungen wird es nicht geben. Ganz einfach aus dem Grund, weil die “It’s X-Mas Time Again!”-PLS-Editionen – noch so eine Itchy-Referenz -  über die letzten Jahre hinweg an sich zu einem kleinen Special geworden sind, an dem sich oftmals viele Leute über den Weg laufen, die ansonsten nicht mehr im Ruhrgebiet und näherer Umgebung verweilen, eben weil zu Weihnachten dann doch den Wanst bei Mutti und Papa vollhauen auf dem Programm steht. Und danach geht’s halt ins Fall, Winterspeck abtanzen und mehr oder minder leckeres Bier trinken. Hat ja auch was Festliches.

Au ja. Ich suche selbst nach geeigneten Ausreden, mich am ersten Weihnachtstag gen Bochum verdrücken zu können und Weihnachten etwas gebührender zu feiern als mit einer unangetasteten Weihnachtsgans. Ich glaube, das wäre schon denkwürdig, wenn ich am 1. Weihnachtstag mit zerrissenen Klamotten und zombieartig geschminkt durch unser festlich geschmücktes Dörfchen stapfen würde. Aber wo wir gerade ohnehin schon dabei sind, zu schwärmen: Was verbindet ihr eigentlich, auch an Jugenderinnerungen, mit der „Alten Dame“ im Herzen des Potts?

Au Backe, was für eine Frage. Zu Beginn der Neunziger, als ich noch ein kleiner Teeny-Gruftie mit schlechter Robert Smith-Frisur war, war der Zwischenfall definitiv DER Club. Und das deutschlandweit. Kaum zu glauben, dass es damals keine Seltenheit war, dass sich bis zu 1000 Leuten auf den zwei Etagen in Langendreer verteilten. Alles selber mitgemacht, daher kein Witz. Ich könnte dir gar nicht mehr all die witzigen, traurigen, euphorischen, wahnsinnigen, bekloppten, unglaublichen und unvergesslichen Begebenheiten aufzählen, die ich in den letzten >17 Jahren vor Ort erlebt habe, ohne den Rahmen dieses Interviews locker-flockig zu sprengen. Sagen wir es so: Der Zwischenfall ist nach wie vor meine Heimat. Immer wieder, wenn ich die heiligen Halle betrete, und diese typische Alkohol-, Nebel- und Rauch geschwängerte, abgestandene Luft einatme, hat das ganze etwas heimeliges. Und einzigartiges. Home is where the heart is.

1000 Leute im Zwischenfall!? Das ist wirklich hart. Derzeit ist der Laden ja schon gut besucht, wenn man um die 300 Leute zusammenkriegt. Sehr, sehr schade. Das Problem mit der beschissenen Robert Smith-Frisur kenn ich übrigens. Da braucht man wohl ganz viel Glück oder Geschick, um das hinzukriegen, und wenn es scheitert, sieht es nicht aus. Unternehmen wir doch mal eine kleine Zeitreise in euer Leben, gerade in die Zeit der Robert Smith-Frisuren. Ihr seid ursprünglich Niederrheiner. Wie fandet ihr es, als ihr da gewohnt habt? Ich glaube, in den frühen 90er Jahren war das Ganze noch ländlicher als heute.

Ralf hatte übrigens eine noch viel, viel coolere Robert Smith-Frisur. Ihm stand sie zumindest. Ach, und witzigerweise ist mir nahezu dieselbe Frage schon vor gut zwei Jahren im Rahmen eines Interviews gestellt worden. Meine damalige Antwort hat sich bis heute nicht wirklich gravierend verändert. Der niederrheinische Menschenschlag ist schon ein ganz eigener, das steht völlig außer Frage. Als ich kürzlich das erste Mal seit fast einem Jahr wieder in der Heimat war, musste ich dies direkt wieder feststellen. Es ist aber auch so, dass sich zum Beispiel unsere Heimatstadt Kleve sehr geändert hat, in den Jahren, in denen wir nicht mehr in ihr leben. Aber vielleicht kommt mir dies auch nur so vor, da ich nur noch Momentaufnahmen erleben kann. Ich sehe mich persönlich auch nicht wirklich als Ur-Niederrheiner, wobei ich durchaus eine ordentliche Portion Lokalpatriotismus in mir trage. Aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Da bildet die eigene Heimat keine Ausnahme.

Das mit dem Schatten kann ich bestätigen. Ich wohne im Raum Nettetal, und da finde ich es ganz grausig, sowohl vom mir irgendwie verstockt vorkommenden Menschenschlag her als auch von der wirklich miesen Infrastruktur. In Kleve ist das aber sicher anders, das ist ja von der Größe her doch ein anderes Kaliber. Könnt ihr euch eigentlich vorstellen, an den Niederrhein zurückzukehren?

Frag mich das in 40 Jahren doch einfach nochmals. Eins habe ich jedenfalls gelernt: Never say never.

flyer_23_01_2010_aniSollte ich mich dran erinnern oder du in 40 Jahren noch leben, werde ich das sicher tun. Innerhalb von 40 Jahren kann tatsächlich viel passieren. Würdet ihr zustimmen, wenn ich sage, man zieht nur zum Sterben an den Niederrhein?

Nein, würde ich nicht, denn dies würde der gesamten Region einfach nicht gerecht werden. Ich kenne – unglaublich, aber wahr – tatsächlich noch etliche Leute, die sich fernab des Rentnerdaseins immer noch vor Ort sehr wohl fühlen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Da ist durchaus was dran, aber wenn ich persönlich eines nicht ertrage, dann ist es Langeweile, und nur die scheint es hier zu Genüge zu geben. Ich bin einfach zu aktiv für die Region, denke ich. Wie seid ihr beiden, so weit ab vom Schuss lebend, eigentlich an die Szene gekommen?

Tja, noch eine “Unglaublich, aber wahr”-Antwort, denn in den Neunzigern besaß der Niederrhein eine durchaus vitale, recht große und vor allem auch überaus aktive Szene. Kein Wochenende verging, an dem man nicht mit Freunden in Richtung Pott, Düsseldorf, Köln etc. unterwegs war. Es gab und gibt etliche DJs, Bands und kreative Köpfe, die sich später im Ruhrgebiet und über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus einen Namen erarbeiten konnten, die allesamt vom Niederrhein stammten. Man denke nur an unseren alten Kumpel Dave Kirvel und seine Band Pierrepoint, die durchaus einige Erfolge aufzuweisen hatte und u.a. die Industrial-Stage beim Wave Gotik Treffen co-headlinen durften. Oder aber auch unsere lokale EBM-Combo Page 12, die sich bis Mitte der Neunziger durchaus eine beachtliche Fanbase, vor allem im Osten, erarbeitet hatten. Emsigen Tape-Tradern ist evtl. sogar noch die Wave-Band Nebel am Waldrand ein Begriff. Die beiden zuerst genannten Acts waren zudem bei dem ebenfalls am Niederrhein ansässigen Label Celtic Circle Productions unter Vertrag, welches seinerzeit durch unfassbare Umstände Szenegeschichte schrieb. Die ersten “Night Of Darkness”-Festivals in der alten Kulturfabrik in Krefeld, damals noch am Dießemer Bruch, sind auch legendär. Ebenso wie die beiden “The Tyranny OFF The BEAT”-Festivals, bei denen u.a. Click Click, Front Line Assembly und Mentallo & The Fixer auftraten, dann aber schon in der neuen KuFa an der Dießemer Straße. Den “Dimanche Noir” von DJ Alex Werner, der später auch das Plastique in der Duisburger beschallte und heute noch immer im Saint in Oberhausen auflegt, im Gelderner E-Dry gab es auch über ein Jahrzehnt jeden Sonntag – und dies nicht nur als Anlaufstelle der niederrheinischen Szene, sondern auch als Treffpunkt zum Ausklang des Wochenendes für viele Ruhrpottler. Am 30. Juni 1995, als wir unsere erste “Nightmare Zone”-Party im Klever Radhaus veranstalteten, fanden auch gut und gerne 500 Leute ihren Weg in die Provinz. Du siehst also: Damals ging so einiges weit ab vom Schuss.

Ja, das ist tatsächlich unglaublich, bedenkt man, was hier heute los ist: Sogar für gut informierte Szenekenner gibt es eigentlich keine Angebote, hier oder da ist vielleicht einmal ein Konzert in einen winzigen, verratzten Jugendzentrum, in Moers ist, seit das Süden zu ist, gar nix wirklich Alternatives mehr, und irgendwie muss ich mit der Lupe nach schwarzen Gestalten suchen – wo auch immer, die sich verstecken. Ich könnte jetzt auch über meine Altersgenossen lästern, aber da werde ich wieder zu ausschweifend und ich wechsle lieber das Thema. Gibt es aus jener Zeit eigentlich irgendwelche Sachen, die euch peinlich sind? Musikalisch oder ganz einfach auch bescheidene Modesünden?

Überhaupt nicht. All das, was wir damals mitgemacht, erlebt und auch getragen haben, hat uns ja erst zu dem gemacht, was wir heute sind. Da machen auch Piraten- oder Rüschenhemden keinen Braten mehr fett. Würde ich – natürlich – heute nicht mehr tragen. Har!

Das könnte ich mir auch nicht vorstellen. Wobei, das Rüschenhemd ginge noch. Apropos Jugendsünden. Thomas, du warst mal in einer Band, Capital Hell. Wie sieht es da aus: Hast du mit deinen ehemaligen Kollegen noch Kontakt? Und wusstest du schon damals, dass dir Undercuts nicht stehen?

Also, ich fand schon, dass mir der Undercut damals gut gestanden hat. Meine damalige Freundin würde dies sicherlich bestätigen. Hoffe ich, hehe. Aber um auf deine eigentliche Frage zurückzukommen: Nein, leider habe ich zu meinen beiden ehemaligen Bandkollegen keinen Kontakt mehr. Die Zeit bei und mit Capital Hell war sehr spannend, aber vor allem auch sehr lehrreich, da ich – als Nesthäkchen der Band – schon frühzeitig die organisatorischen Geschicke in die Hand nehmen musste. Und dies war in prä-Internet-Zeiten, wo man noch via Telefon, Fax und vor allem per Brief Kontakt zu Redaktionen, Konzertveranstaltern, Fanzine-Machern etc. hielt. Aufregend war es natürlich auch, 1995 einen Plattenvertrag unterzeichnen zu können. Als nicht volljähriger Kerl träumte man logischerweise von den 15 Minuten Ruhm, Sex, Drugs und Rock’n'Roll. Was wir davon hatten, und was nicht, das überlasse ich jetzt deiner Vorstellungskraft.

Meine Vorstellungskraft kann sehr kreativ sein, aber ich belasse es einfach damit, dass du sicher nicht wie Jack Nicholson Kokain auf deinen Penis gestreut hast, wenn du mit einem Groupie, in deinem Falle nach einem Konzert, Sex hattest. Das lesen ja auch weniger versaute Menschen als ich. Und in der prä-Internet-Zeit war es sicher noch schwierig. Heutzutage ist die größte Schwierigkeit als Journalist auf Hobbyebene, wie ich einer bin, den Labels genug Honig ums Maul zu schmieren, dass sie einen bemustern. Alles ist einfacher geworden, aber auch der Konkurrenzdruck höher. Ein kleiner Ausflug in den Beruf, den ich irgendwann mal auch professionell machen möchte: Wie hat das Internet die Arbeit als Musikjournalist verändert?

Gravierend. Früher habe ich meine fertigen Artikel noch auf 5 1/4”- bzw. später 3 1/2”-Disketten per Post an die Redaktion geschickt, nachdem ich die schriftlichen Ergüsse auf meinem ersten XT mit 20Mhz und einem Grünmonitor verfasst hatte. Dementsprechend hat sich die ganze Produktionsweise, das ganze Business extrem beschleunigt. Ich merke es in meiner Funktion als Redaktionsleiter immer wieder: Du kannst noch so gut vorausplanen, in der Finishphase eines Magazins wird es sich nie vermeiden lassen, dass man Ultra-Last-Minute noch etwas in die nächste Ausgabe hieven muss. Und dies wäre ohne Internet, E-Mail und mehr und mehr auch dem Web 2.0 schlichtweg nicht möglich. Wobei ich mich über eine gelegentliche Entschleunigung durchaus freuen würde. Einfach mal den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, das ist schon eine feine Sache.

Wann habt ihr angefangen, selbst aufzulegen/Events zu veranstalten bzw. im Falle von dir, Thomas, als Journalist zu arbeiten?

Ralf hat bereits Ende der Achtziger angefangen aufzulegen. Nur ein paar Jahre später hat er mich dann quasi an die Hand genommen, um mir die Tricks und Kniffe des DJings in unserem lokalen Jugendzentrum beizubringen. Ab da ging es dann mit unserem Brüder-DJ-Duo los. Die bereits erwähnte “Nightmare Zone”-Party anno 1995 war mit Sicherheit eines unserer ersten gemeinsamen Highlights. Wir haben allerdings auch gemeinsam bei anderen, damals noch wöchentlichen, Events aufgelegt. So z.B. bei “Going Underground” im Emmericher Far Out auf der falschen Rheinseite. Und natürlich, nicht zu vergessen, im legendären eXX, einem umgebauten Benediktinerkloster inkl. großem Biergarten, See und kleinem Waldstück an der B57, in Rheinberg bei Moers, welches bereits seit Ende der Siebziger unter den Namen Aratta und Flagranti überregionalen Ruhm einheimsen konnte. Angefangen für Postillen zu schrieben, habe ich irgendwann im Herbst 1992, als ich einfach aus Jux und Dollerei bei der Subline anrief, dem damaligen einzigen Konkurrenzprodukt zur Zillo an den Kiosken. Dem damaligen Redaktionsleiter Mike Litt, der heute als 1 Live-Moderator und House-DJ bestens bekannt ist, konnte ich dann den Bären aufbinden, dass ich bereits 18 bin. Eine Probe-Live-Review und wenige Wochen später, war ich dann fest an Bord. In den letzten 17 Jahren habe ich so ziemlich für alle Gazetten und Magazine geschrieben, die es jemals aus dem szenigen Bereich im Handel gab. Zusätzlich aber auch für etliche Fan- und E-Zines, gerne auch international, wie z.B. für die amerikanischen Publikation Drop Dead- und Deathrock Magazine.

Ui, vom Subline zum House-DJ bei 1 Live, das ist schon ein weiter Weg, möchte ich angemerkt haben. Und dann, nach vier Jahren DJing quer durch das Rhein-Ruhr-Gebiet, landen wir im Jahre 1999, dem Jahr, in dem die erste Pagan Love Songs im Zwischenfall stattfand. Da war Goth Rock gerade ziemlich „tot“, und die große Future Pop-Welle rollte durch die Clubs. War es nicht ein enorm großes Risiko, gerade zu so einer Zeit ein Event zu veranstalten, das total abseits aller Trends lief?

Klar, aber das war uns zu der Zeit, als wir die Party planten, völlig egal. Die Idee zu Pagan Love Songs entstand bereits 1998. Norbert und Eddie vom Zwischenfall konnten wir dann im Winter 1998 von unserem Konzept überzeugen. Sie haben dann nicht schlecht gestaunt, als wir ein knapp zehn Monate entferntes Datum anpeilten, jedoch war diese lange Vorlaufzeit von Nöten, um die Veranstaltungsreihe überhaupt vernünftig zu bewerben. Wie gesagt: Es gab damals kaum Events, wo sich überhaupt noch Anhänger besagter Sounds treffen konnten. Die Internetpromotion steckte noch in ihren Kinderschuhen und generell ging es eher um Mundpropaganda und extrem emsiges Flyer verteilen.

Heutzutage sieht man die irgendwie liebgewonnenen Handzettel irgendwie kaum noch, dabei sammle ich die Dinger leidenschaftlich gerne. Wie liefen denn die erste Party – und ein paar ausgewählte darauf Folgende?

Die erste Party verlief bombastisch. Vermutlich hätte es sonst auch nie darauf folgende gegeben. Gitane Demone spielte bereits kurze Zeit später den ersten Live-Gig im Rahmen einer Pagan Love Songs. Und binnen eines Jahres folgten dann grandiose Shows mit Faith And The Muse (zu unserem Rozz Williams-Memorial im Jahr 2000), die beiden restlos ausverkauften Reunion-Shows der legendären The Chameleons (UK), das exklusive Europa-Debüt von Cinema Strange (und gleichzeitig dem ersten und einzigen Konzert von Murder At The Registry im Z-Fall), den leider nicht mehr existenten Malochia aus Amsterdam etc. Good times!

Das glaube ich dir aufs Wort. Ich erinnere mich, dass im Zwischenfall ein Cinema Strange-Konzert stattfinden sollte, das wegen zu geringem Vorverkauf abgesagt wurde. Damals wäre da sicher mehr zu holen gewesen. Sogar Amanda Palmer war im Jahre 2000 dabei, noch bevor sie mit den Dresden Dolls Bekanntheit erlangte. Habt ihr ihre Show noch in Erinnerung – Frage ich einfach mal so als Dresden Dolls-Freak?

Diese Cinema Strange-Geschichte kannte ich zumindest noch nicht, glaube aber auch nicht wirklich daran, dass der Wahrheitsgehalt sehr hoch ist, da der Zwischenfall den Vorverkauf immer gerne mal vernachlässigt hat. Sprich: Wenn der Gig abgesagt wurde, dann mit Sicherheit aus anderen Gründen. Wie dem auch sei: Amanda Palmer, ja. Die Dame war damals vor Ort, als Special Guest der Chameleons, die zudem noch von ihren langjährigen Freunden von The Convent unterstützt wurden. Sie war sehr nett, ihr Gig war intensiv und intim. Wir haben damals von ihr ein Demo in die Hand gedrückt bekommen, auf dem u.a. auch ein Rough Outtake von “Half Jack” enthalten war, welches bis heute mein favorisierter Dresden Dolls-Track ist. Ich bin, im Gegensatz zu dir, nämlich alles andere als ein Dolls-Freak; fand die gar immer ein wenig überbewertet.

Da stimm ich dir zwar gar nicht zu, aber dafür sind Geschmäcker ja verschieden. Habt ihr in der Anfangsphase jemals daran gedacht, die Brocken – wegen was auch immer – hinzuschmeißen?

Um ehrlich zu sein, nein. Gerade die Anfangsphase hat unsere Arbeit und unseren Willen beflügelt. Viele Kooperationen wurden eingegangen, Freundschaften geschlossen und Erfolge gefeiert. Das hat alles zusätzlich motiviert und nur noch für weiteren Ansporn gesorgt.

Oh ja, das glaube ich: Das Netzwerk, das ihr gesponnen habt, ist riesig,  das geht von weiteren Partys wie Remembrance Daze bis hin zu Konzerten wie dem Blacklist-Europadebüt, bei dem ich mich immer noch ärgere, dass ich so weit weg von Berlin wohne bis hin zu den großartigen When We Were Young-Aftershow-Events auf dem WGT. Ohne Vitamin B ist da sicher nicht viel zu machen. Bekanntlich findet die PLS leider ja nicht mehr regelmäßig statt. Der Grund dafür ist, dass ihr beide eure Zelte im Ruhrgebiet bereits vor Jahren abgebrochen habt und nach Berlin gegangen seid. Wieso zieht man eigentlich vom Herzen der Welt in die Hauptstadt?

Das hat mannigfaltige Gründe. Ich habe vor meinem endgültigen Umzug nach Berlin allerdings auch noch zwei Jahre in Leipzig gelebt, geliebt, gearbeitet und veranstaltet. Jedoch habe ich mich noch niemals in einer Stadt so heimisch und wohlgefühlt, wie eben jetzt schon seit knapp drei Jahren in der Hauptstadt. Ick bleib’ erst ma hier, wa?

Berlin ist ohne Zweifel auch eine wunderbare Stadt. Ich war da mit 14 mit den Pfadfindern (große Jugendsünde – HIM-T-Shirt und blaues Tuch) und es war großartig, und eine Freundin bequatscht mich seit längerem, dass wir da mal hinfahren, was wir hoffentlich auch bald schaffen. Ohne Zweifel eine Stadt wie kaum eine zweite – mit interessanten Menschen! Und ehe ich wieder ausschweifend werde, kehren wir wieder zum Thema zurück. Seit ihr die Pagan Love Songs zum ersten Male veranstaltet habt, ist die Party – und auch die Goth Rock-Szene – gewachsen wie der Schimmel im feuchten Keller unseres Nachbarn. Heutzutage unverzichtbare Bands wie z.B. Frank The Baptist wären in Europa ohne die Pagan Love Songs nicht vorstellbar. Ein wenig stolz seid ihr sicher, dass ihr an vorderster Front dabei (gewesen) seid?

Das “gewesen” kannst du ruhig streichen, denn noch sind wir nicht müde genug, um das Handtuch zu werfen. Erst Anfang Oktober haben wir gemeinsam mit unseren guten Freunden und Kollegen Ian P. Christ und NecroPhil von der bereits erwähnten Remembrance Daze-Party das Europadebüt von Blacklist, der vermutlich coolsten Post Punk-Combo der letzten 15 und mehr Jahre veranstaltet. Und zu Frank The Baptist gibt es in der Tat noch eine interessante Anekdote: 2002 schickte mir Frank seine ersten, damals noch über mp3.com erhältlichen, Demo-EPs zu. Ab dann mutierten “Bleeding In My Heart” und “Echoes Of Never” schnell zu Standards in unseren Pagan Love Songs-Setlists. Paul Cuska, Dreh- und Angelpunkt der europäischen Goff-Szene seit vielen Jahren und zudem Sänger und Mastermind der Hard Goths von Kiss The Blade, hörte während einer PLS-Party, als er mit seiner Gang mal wieder den immensen Weg von Österreich nach Bochum auf sich genommen hatte, zum ersten Mal von FTB. Da sich anscheinend kein Label finden ließ, um Frank The Baptist hierzulande zu veröffentlichen, beschloss besagte Gang kurzerhand selber eine Plattenfirma zu gründen. Strobelight Records ward geboren. Du siehst: Viele wichtige, interessante und mitunter gar seltsame Stränge der Goth- und Deathrock-Historie zum Jahrtausendwechsel haben ihre Anfangs- oder Knotenpunkte in Bochum.

Oh ja. Strobelight ist ein tolles Label mit wirklich guten Bands. Aber dass so viel seinen Anfang in Bochum nahm, gerade ein österreichisches Label, das ist schon lustig. Die Szene wäre ohne die Pagan Love Songs definitiv ärmer, an Bands wie an Labels. Eine Menge beigetragen zum Werdegang diverser Bands hat auch die Compilation-Reihe, die ihr gestartet habt. Die “Pagan Love Songs Vol. II”-Compilation ist jüngst in die Läden gekommen, die “Pagan Love Songs Vol. I”-Compilation ging vor fünf Jahren weg wie Freibier. Frank The Baptist, Cinema Strange und Bloody Dead and Sexy waren wohl die Knallerbands des ersten Doppel-CD-Samplers und sind aus der Szene kaum mehr wegzudenken. Wem gebt ihr auf Teil II die größten Chancen? Ich tippe auf Pretentious, Moi?, Rubella Ballet und The Shallow Graves.

TT: Rubella Ballet sind wohl schon eine Ecke zu lange im Geschäft, um noch als durchstartender Newcomer gefeiert zu werden. Ansonsten hoffe ich sehr, dass Pretentious, Moi?, The Shallow Graves und vor allem auch Solemn Novena durchstarten werden.Die “Szene” hat sich innerhalb der letzten fünf Jahre stark gewandelt. Wo auf unserer ersten Compilation noch viel Deathrock- und vom Batcave-Club der frühen Achtziger beeinflusster Sound zu hören war, ist es auf Teil II vor allem Post Punk, Trad Goth und Minimal Wave. PM? haben just beim Judgement Day in Dornbirn in Österreich ihren ersten Live-Gig gespielt, obgleich Tim das Projekt bereits seit 17 Jahren betreibt und dank seiner Mitarbeit bei Manuskript und Sins Of The Flesh eigentlich ein alter Hase ist. Teile von The Shallow Graves sind ja auch alles andere als unbekannt, so verdingte sich Christian Moribund bereits bei Madre del Vizio, Moribund Thirteen A.D. und natürlich Jessica’s Ascension. Und bei Solemn Novena ist der Hauptkomponist Marc McCourt, der als Dominic LaVey immerhin als zweitbester Sänger Nosferatus in die UK-Gawf-Annalen eingehen wird, und der auch bei Return To Khaf’ji bereits die Saiten malträtierte, ebenfalls alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Was man auch nicht vergessen darf: 2004 waren die drei von dir genannten Bands bereits bestens etabliert. Mit ein wenig Glück kann man von FTB hoffentlich 2010 ein neues Album erwarten. Dasselbe gilt für Bloody Dead And Sexy. Wie es um Cinema Strange steht, kann niemand so recht sagen – wohl auch die Jungs selber nicht. Hier stehen die Chancen auf einen neuen The Deadfly Ensemble-Longplayer oder gar das Debüt von The Dirty Weather Project um einiges besser, denke ich.

Darum sagte ich ja auch bewusst nicht Newcomer, sondern Knallerbands – Vielleicht Bands, die jetzt den entscheidenden Schub bekommen. Denn Newcomer sind die Bands, die ich erwähnte, ja nicht, aber einen kleinen Popularitätsboom wird es für die sicher geben. Das The Dirty Weather Project-Album soll ja kommen, wie du, Thomas, schon rausgefunden hast, im Interview mit Frank Vollmann in der letzten Ausgabe der Gothic. Das wird sicher ein Fest. Wo wir schon dabei sind. Gibt es irgendwelche Veröffentlichungen in der nächsten Zeit, die man sich nicht entgehen lassen sollte? Das Telegram Frank-Album gehört sicher dazu. Aber weiterhin, what’s hot?

“Low Cloud Medicine”, Telegram Franks Solodebüt, ist definitiv eine unterhaltsame und witzige Scheibe, die FTB-Fans gefallen sollte, speziell, wenn sie die ruhigeren Momente mögen. “Kiss The Girls”, das Erstlingswerk von Solemn Novena, wird mit ein wenig Glück auch im Frühjahr 2010 das Licht der Welt erblicken. Für mich ist die Scheibe schon jetzt DIE beste UK Goth-Platte der letzten was-weiß-ich-nicht-wie-viel-Jahre. Cooles Songwriting, Louises Stimme hat enorm gewonnen und dann diese Flanger-Gitarren. Super! Von Murder At The Registry wird es wohl auch im kommenden Frühling endlich die zweite Langrille namens “notsorry” geben. Frontmann Thomas Stach habe ich letzte Woche Freitag beim Peter Murphy-Konzert im Huxley’s in Neukölln getroffen. Er war guter Dinge, dass der Silberling nicht mehr zu lange auf sich warten lässt. Habe ich was vergessen? Bestimmt!

Ich hörte auch, es gab bei der Entstehung der CD leichte Probleme?

“Probleme” mag ein wenig übertrieben klingen, eher Stolpersteine und – wie immer – Verzögerungen, da sich die Lizenzierungen von alten Songs, und das damit verbundene Aufspüren mittlerweile mitunter inaktiver Musiker oder Rechteinhaber extrem hinziehen kann. Dementsprechend ist die endgültige Version der Compilation wieder einmal völlig anders ausgefallen, als die ursprünglich auf dem Reißbrett angedachte. Zufrieden und glücklich sind wir trotzdem.

Mein Autoradio auch, die Compilation ist mit selbigem fest verwachsen. Was mich auch sehr gefreut hat, war, dass ihr Shock Therapy auf den Sampler genommen habt! Ein kleiner Tribut an den jüngst leider in Gefangenschaft verstorbenen Itchy, denke ich?

Durchaus, ja. Shock Therapy waren immer ein wichtiger Bestandteil unserer Setlists, bereits seit der Frühphase unseres jeweiligen DJ-Daseins. “Pain” ist zudem ein waschechter PLS- und Zwischenfall-Klassiker, der noch nie so gut klang, dank Achim Dresslers Remastering, wie auf “Pagan Love Songs Vol. II”. Die eine Show, die ich jemals von und mit Shock Therapy miterleben durfte, damals noch im bereits angesprochenen eXX-Club, werde ich sicherlich auch niemals nicht vergessen. Großartiger Frontmann, fantastische Band.

Die ich – typisches Kind der Nullerjahre – zu spät kennengelernt habe. Eigentlich schade. Wie schwer war es, unter den vielen Bands richtig gute, die in das PLS-Konzept passen, zu finden?

Eigentlich ziemlich einfach. Wir hören uns alles an, was uns auffällt, zugetragen oder empfohlen wird. Alles, über das wir stolpern, was uns interessiert oder zumindest interessant erscheint. Das, was gefällt, wird weiter verfolgt, ggf. kontaktiert und unterstützt bzw. eingesetzt. Der Rest nicht. Et c’est ca.

Gut, und ich wette, das Material, das euch zugeschickt wird, geht in die Terabyte-Dimensionen hinein. Und da alles immer leichter zu erreichen ist, so mein Eindruck, wächst alles rasant. Seid ihr nicht ab und an sehr genervt von den tausenden Bands, die euch anschreiben?

Es ist ein Irrglaube, dass uns “tausende Bands” anschreiben. Natürlich kommen hier und da Anfragen, aber meist ist es schon noch immer so, dass man die wahren Perlen selber suchen und finden muss. Nur ganz selten gab es hier und da mal einen Glückstreffer, wo seitens der Band, des Künstlers, whatever, proaktiv auf uns zugegangen wurde.

Wie seht ihr die kontinuierlich wachsende „Szene“, wenn man dieses heterogene Gebilde noch als eine Szene sehen mag, heute?

Vor ein paar Jahren hätte ich an dieser Stelle noch endlos schwadronieren und philosophieren können und wollen. Mittlerweile mag ich nicht mehr. Sagen wir es so: Es ist müßig, dieses heterogene Gebilde sezieren zu wollen. Warten wir doch einfach ab, was noch passiert. Siehst du dich als Teil einer “Szene”? Ich könnte diese Frage für mich nicht mehr eindeutig beantworten.

Gut, das ist auch für mich mit meinem jugendlichen Elan eine schwere Frage. Vom „ideologischen“ Sinne, wenn man hinter ästhetischer Rebellion und dem Kokettieren mit dem letzten Tabu, das die Menschheit noch zu bieten hat, also dem Tod, tatsächlich eine Ideologie sehen möchte. Wäre es eine Allgemeingültige, die alles Schwarzvolk vereint, würde ich sagen, definitiv ja. Sehe ich jedoch die Szene insgesamt und damit nicht die Goths oder präziser: Waver als einzelne Sparte der Szene, dann weiß ich nicht, ob ich mich dazu wirklich zählen möchte. Goth is not about Rave Music. Und erst recht nichts mit neonbuntem Quark. Damit wir dann alle Hoffnung zerstören: Wohin steuert das Schiff Gothic? Wagt ihr, ungefähr 10 Jahre in die Zukunft zu schauen?

Leider ist meine Kristallkugel defekt. Das war sie vor ein paar Jahren übrigens auch schon. Zumindest dachte ich das.  Die Horden von Mundschutz tragenden Cyb3rheads, die sich in dusteren Nebelschwaden vor mir innerhalb des hübschen Kügelchens zeigten, habe ich jedenfalls nicht für bare Münze genommen. Mea culpa. Einen Tipp gebe ich dennoch ab: Der Mut zum Schlageresken wird noch weiter wachsen und gedeihen.

Ich würde sogar ganz optimistisch sein und sagen, dass der Cyb3rtrend zurückgeht. Zumindest wenn ich das in einschlägigen Clubs wie z.B. dem Pulp in Duisburg beurteilen kann, in meinem Stammclub, dem Zwischenfall, gibt es ohnehin fast keine. Das „Schlagereske“ wird definitiv weiter wachsen, da stimme ich weitestgehend mit dir überein. Ungeilig und Konsorten haben schließlich Hochkonjunktur, aber ich prophezeie, ganz unverbesserlich optimistisch, auch ein kleines Hoch des Post Punk/Wave. Wie sieht es in der Richtung aus, wagt ihr, da etwas zu zu sagen?

Die Kristallkugel ist ja hinüber, aber lass es mich so formulieren: Wünsche würde ich es mir, aber prognostizieren will ich einfach nichts mehr. Abwarten und kühles Blondes trinken.

Damit wären wir auch schon am Ende angelangt. Habt ihr noch „letzte Worte“ an unsere Leser? Zum Beispiel Event- oder Bandempfehlungen oder Grüße?

Ich kann allen Liebhabern von düsteren Gitarrensounds, fernab von Metal und Mittelalter-Mummenschanz, nur anraten, sich mit solch großartigen Bands wie Blacklist, The Exploding Boy, Solemn Novena, Pretentious, Moi?, R O M A N C E, Ulterior etc. auseinanderzusetzen.

Definitiv gute Tipps: Blacklist kleben an meiner Anlage. Und ganz zum Schluss danke ich euch ganz herzlich für das Interview, das mir persönlich ne Menge Spaß gemacht hat. Ich hoffe, ich habe euch mit meinen Fragen nicht allzu sehr gequält.

TT: Wir haben zu danken. Und nein, so schlimm war es nicht. Wirklich.

www.nightmarezone.de

www.myspace.com/pagan_love_songs

www.myspace.com/2xT

www.myspace.com/rt1334

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3 Kommentare

  1. Robert

    Großartiges Interview, auch wenn die Länge des Textes viel Zeit in Anspruch nimmt. Letztendlich hat es sich gelohnt. Eine Beschreibung der Szene, halte ich ähnlich wie ihr für schwierig und schon im Ansatz zum scheitern verurteilt. Das “Gesundschrumpfen” ist ein angenehmer Nebeneffekt der schon seit Jahren fälschlicherweise unter einen Hut gesteckten Musikstile. Allein schon die Begrifflichkeit des “Gothic” ist nur ein weiterer Versuch etwas zu kategorisieren, was man nicht begreift.

  2. MarcbeasT

    Bin seit kurzem wieder online und habe mit grossem Interresse gelesen was unser “Altes Nesthäkchen” so treibt.”Bin stolz auf Dich”;-) ganz Lieben Gruss-Marcbeast(Capital Hell/AmocallscomA)

  3. Ruprecht Helms - girlsday

    Die Sisters of Mercy waren mit ihrer Musik leider nicht so mein Geschmack. Nunja aber die Geschmäcker sind bekanntlich auch unterschiedlich. Auch was die schwarze Szene, die sich auch Grufties nennen angeht. Für diese sind die einfach nur Mensch mit einer anderen Anschauung oder aber solche, die sogar schlicht einen anderen Kleidungsstil bevorzugen und mehr nicht.

    Leider kommt es ab und an immer mal zu Konfliktsituationen. Das sind aber dann meist solche, die in meinen Augen gewisse Verständnisschwierigkeiten bei persönlichen Meinungen haben und das jeder seine eigene Meinung haben darf, ist nunmal das schöne in einer Demokratie. Nur man sollte die individuelle Meinung des Einzelnen auch respektieren.

Was denkst du darüber?





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